Yoga bedeutet Disziplin: Erfahrungen aus Indien

Yoga bedeutet Disziplin: Erfahrungen aus Indien

Ein Gastbeitrag von greenyogashop-Botschafterin Lena 

Disclaimer: Dieser Beitrag stammt aus der Zeit vor Corona und liegt uns seit dem vergangenen Jahr vor. Aufgrund der Situation, die sich 2020 zuspitzte, und weil gerade Indien besonders betroffen war, haben wir seither jedoch nie den richtigen Zeitpunkt für die Veröffentlichung gesehen. Dennoch wollen wir dir die Erfahrungen, die Lena im Ursprungsland des Yoga gemacht hat und die sie mit uns und dir teilen möchte, nicht vorenthalten.

2018 habe ich für ein Praktikum mehrere Monate in Neu Delhi, der Hauptstadt Indiens, gelebt. Yoga habe ich schon vorher praktiziert; allerdings hat mir mein Aufenthalt in Indien eine neue Perspektive auf meine Praxis gegeben. Seitdem hat sich vieles verändert – zum Beispiel bin ich jetzt sehr diszipliniert, wenn es darum geht, täglich zu meditieren. 

Indien: Beeindruckende Vielfalt

Indien erstreckt sich über fast den gesamten indischen Subkontinent. Es ist eines der größten Länder und das zweitbevölkerungsreichste Land der Welt. Dementsprechend vielfältig ist die indische Kultur. Neben den Verkehrssprachen – Englisch und Hindi (im Norden) oder Tamil (im Süden) - werden noch über 100 weitere Sprachen aus vier verschiedenen Sprachfamilien gesprochen. Die meisten InderInnen sind Hindus. Religiöse Rituale sind fest in den Alltag integriert und das ganze Jahr über werden religiös motivierte Feiertage gefeiert. Neben Hindus gibt es viele Christen und Muslime. Auch Buddhismus, Sikh- und Jain-Religion wird in Indien aktiv praktiziert. Ich habe in Old Delhi einmal einen Jain-Tempel besucht und mich wie im Bollywood-Film gefühlt. Gläubige dieser Religion tragen traditionell ein Schwert und eine lange Kutte. Sikh-Anhänger erkennt man dagegen an dem Turban auf dem Kopf. Es gibt es verschiedene Arten von Kopfbedeckungen für Männer, die deren Beziehungsstatus anzeigen.

Leben in Delhi

Delhi ist laut, staubig und anstrengend. Trotzdem ist die Stadt einen Besuch wert: Es gibt viele interessante Tempel zu besichtigen, grüne Parks und das alternative Viertel Hauz Khas. Old Delhi ist der älteste und ursprünglichste Teil der Stadt. Dort findest du Gewürzmärkte, Straßenkünstler und an jeder Ecke wird schwarzer Tee mit Zucker und Milch serviert – eine Hinterlassenschaft der englischen Kolonialherrschaft. Im Vergleich mit anderen indischen Städten wie Mumbai oder Kerala ist Delhi konservativ. Deshalb sollten Touristen hier einige Regeln beachten. Ich bin im Dunkeln nie zu Fuß durch die Stadt gelaufen – das machen auch Inderinnen nicht. Öffentliche Verkehrsmittel sind in den Abend- oder Nachtstunden nicht zu empfehlen. Am sichersten und einfachsten ist die Fortbewegung mit Uber. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Kleidung. Um kein Aufsehen zu erregen, sollten Frauen weite Kleidung tragen, die möglichst viel Haut bedeckt und den Hintern versteckt.  

Wie wird in Indien Yoga praktiziert? 

Auch beim Yogaunterricht in Delhi ist es nicht üblich, enge Leggings zu tragen. Obwohl Indien das Ursprungsland des Yoga und Delhi eine Millionenstadt ist, wird wenig Gruppen-Yogaunterricht angeboten. Traditionell wurde das Wissen über Yoga im Einzelunterricht direkt vom Lehrer an den Schüler weitergegeben. Deshalb unterrichten indische Yogalehrer in Delhi bis heute vor allem privat. Zudem praktizieren in Delhi mehr Männer als Frauen Yoga.

Ganz anders ist es beispielsweise in Rishikesh oder Goa. Diese Orte sind sehr touristisch und an die westlichen BesucherInnen angepasst. In Rishikesh, einer am Ganges gelegenen Stadt in Nordindien, dreht sich alles um Yoga. An jeder Ecke werden Yogalehrerausbildungen und Yogaunterricht angeboten. Aus den vielen Ashrams ertönt morgens und abends Kirtan-Musik. Häufig werden dir auf der Straße Inder in orangefarbener Kleidung begegnen. Das sind Swamis, die ihr Leben dem spirituellen Weg verschrieben haben. Sie verbringen ihren Tag traditionell mit Beten und Meditation, leben von Spenden und können z. B. in öffentlichen Verkehrsmitteln gratis fahren.

Leben in Delhi

Mein erster Monat in Delhi war vor allem durch negative Erfahrungen geprägt. Ich hatte aufgrund der starken Luftverschmutzung ständig Kopfschmerzen und Husten, ein Stalker verfolgte mich regelmäßig bis zu meiner Wohnung und ich musste wegen Dengue-Fieber zwei Wochen ins Krankenhaus. Während der Krankheit beschloss ich, dennoch das Beste aus dem Aufenthalt in Indien zu machen. Ich meldete mich für einen Kurs bei dem spirituellen Lehrer Sadhguru an. Sadhguru leitet ein großes Ashram-Zentrum in der Nähe von Coimbatore, ist Gründer der NGO Isha Foundation und zählt zu den 50 einflussreichsten Männern Indiens. Über vier Tage lernte ich in dem Kurs das Shambavi Mahamudra, eine 21minütige Abfolge von Asanas, Atemübungen und Meditation. Alle TeilnehmerInnen des Kurses verpflichteten sich, die Praxis für die nächsten 40 Tage zweimal täglich durchzuführen. Sadhguru machte deutlich, dass das Praktizieren dieser Sequenz oberste Priorität hat. Das im Alltag umzusetzen war allerdings durch die verschiedenen Regeln ziemlich kompliziert. Während der Abfolge darf keine Uhr benutzt werden, so dass Anfänger häufig viel länger als 21 Minuten praktizieren. Zudem muss der Körper für das Shambavi Mudra vorbereitet werden. Das heißt, dass sechs Stunden vor der Praxis nicht gegessen und zwei Stunden vorher nicht getrunken werden darf. Alkohol sollte insgesamt vermieden werden. Zudem sollte das Shambavi Mudra nicht gegen Mitternacht und nicht mittags praktiziert werden. Die ganzen Regeln waren für mich neu. Aus Deutschland kannte ich Yoga als Entspannungstechnik im Zusammenhang mit Wellness. Gut gefühlt habe ich mich während der 40 Tage allerdings nicht immer. Ich musste meinen Alltag komplett auf Yoga ausrichten und habe außer Arbeiten und Yoga nicht viel anderes gemacht.  

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Wie hat sich meine Praxis verändert?

Von Sadhguru, Yogastunden und Retreats, die ich in Delhi und Rishikesh besuchte und befreundeten YogaschülerInnen aus Indien und Tibet nahm ich Folgendes mit: Yoga ist eine Wissenschaft. Yoga beschreibt detailliert und genau verschiedene Techniken, die zur Entspannungsförderung und Bewusstseinssteigerung führen. Diese Techniken basieren auf Erfahrungswissen und wurden über Jahrtausende erprobt. Dass sie funktionieren, hat jeder, der regelmäßig Yoga praktiziert, am eigenen Leib erlebt.  

Für meine eigene Praxis habe ich mitgenommen, Yoga mit Disziplin zu üben. Es fühlt sich nicht immer gut an, morgens zu meditieren. Manchmal würde ich gerne länger schlafen oder einen Tag aussetzen. Dennoch weiß ich mit Sicherheit, dass es mir gut tut, jeden Tag zu praktizieren. In Patanjalis Yoga Sutras wird dieses Prinzip als Tapas beschrieben. Die besten Dinge kommen durch Verpflichtung. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mit der Verpflichtung zu einer täglichen spirituellen Praxis wunderbare und unvorhergesehene Dinge passieren.


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greenyogashop-Botschafterin

LENA

Lena ist Yogalehrerin und lebt und unterrichtet in Portugal. Neben Yoga liebt sie Outdoor-Sportarten wie Surfen, Snowboarden und Wandern. Nachhaltigkeit und Naturschutz sind ihr wichtige Anliegen. Als ausgebildete Politikwissenschaftlerin forscht sie zur Zeit zu Strategien zur Klimawandelanpassung.

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